Goodbye DDR – Das Landesstadtspiel 2012

Samstag, 15:00 Uhr. Fußgängerzone Saarbrücken, eine kleine, dunkle Seitengasse in der Nähe des Sankt-Johanner-Markt. Sechs mutige Pfadfinder verstecken sich verzweifelt vor der Stasi. Mit Erfolg? Das weiß noch keiner so genau.
Ihre Taschen sind voll verbotener Westprodukte. Wofür werden sie all die Bananen, Schallplatten und Coladosen wohl brauchen? Das weiß noch keiner so genau. Ihr einziger Wunsch: Ein Leben in der BRD.

So in etwa würde ein Krimi über das diesjährige Stadtspiel der Pfadfinderstufe mit Sicherheit beginnen. Die Kulisse für dieses Spektakel: Das alljährliche Sportfest unserer geliebten deutschen demokratischen Republik, natürlich unter der Schirmherrschaft unseres legendären Genossen Roland Kubinski.
Voller Vorfreude auf dieses besondere Ereignis hatten sich knapp 130 Sportbegeisterte, unter ihnen auch sechs mutige Pfadfinder des Sportvereines „Glück auf! Goten“, auf den Weg in die Landeshauptstadt Saarbrücken gemacht. Doch schon während der Eröffnungsrede unserer Generalstabssekretärin Flohrer brachen die Massen in Tränen aus: Roland Kubinski konnte krankheitsbedingt leider nicht bei uns sein! Wie sollte das Sportfest ohne ihn nur funktionieren? Das wusste noch keiner so genau.
Ratlosigkeit machte sich breit, doch trotz allem mussten die Spiele beginnen. Das Spielsystem: Abgeschaut bei unserem kapitalistischen Nachbarland, es ging ums bloße Gewinnen. Wer verlor, musste sich der Gewinnermannschaft unterordnen.
Auch wenn uns dies natürlich zuwider war, zeigten sich unsere Qualitäten in kapitalistischem Denken und wir erkannten, dass wir auch jenseits des Antifaschistischen Schutzwalls bestehen konnten, denn „Glück auf! Goten“ konnte dank bester Fähigkeiten im Sortieren, Turmball und dem Sammeln von 372 Werbegeschenken das diesjährige Sportfest für sich entscheiden. Ein wahrer Erfolg!

Doch während der Siegesfeier geschah schon das nächste Unglück: Vier seltsame Gestalten, offensichtlich aus dem kapitalistischen Ausland stammend, störten unsere Siegesfeier.

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Auch Sportler der BRD waren zu Gast

Warum? Das wusste noch keiner so genau.
Sie hielten sich mit spitzen Bemerkungen über unsere schöne Republik nicht zurück und langsam beschlich uns ein schrecklicher Verdacht: Hatte unser Sportidol etwa sein geliebtes Heimatland verlassen um ein Leben im Kapitalismus zu führen?
Wir konnten es nicht fassen. Ein Leben ohne Roland Kubinski? Unvorstellbar! Schnell hatten wir einen Entschluss gefasst: Wir wollten unser Leben in der DDR hinter uns lassen und jenseits der Mauer einen neuen Anfang wagen. Wie? Das wusste noch keiner so genau.

ZEITSPRUNG

Sonntag, 11:00 Uhr. Ein Nahverkehrszug der Deutschen Bahn. Sechs ziemlich erschöpfte Pfadfinder haben es geschafft: Sie führen nun ein Leben in der BRD. Wie konnten sie flüchten? Das wusste noch immer keiner so genau. Nur eines war sicher: Sie hatten eine Menge Glück.
Nachdem wir den Entschluss gefasst hatten ein neues Leben im Westen zu beginnen, suchten wir einen stadtbekannten Kontaktmann auf, der uns zu einem V-Mann schickte. Dieser war tatsächlich dazu bereit, uns bei der Republikflucht zu unterstützen, wir mussten uns nur noch entscheiden auf welchem Wege wir die DDR verlassen wollten. Und die Entscheidung war schnell getroffen: Wir wollten fliegen.
Doch leider war uns klar, dass selbst in der DDR alles seinen Preis hat – und so machten wir uns auf die Suche nach heiß begehrten Westprodukten um uns ein neues Leben zu erkaufen.
Im Gummibärchenraten, Gurkenwettessen, Liedererkennen und Zuckergehaltschätzen erwiesen wir auch tatsächlich großes Geschick und meisterten alle Aufgaben. Ebenso konnten wir auch unser Talent im Tarnen und Verstecken erkennen, denn wir schafften es tatsächlich unbemerkt von der Stasi zum Flugplatz vorzudringen und die Mauer zu überqueren. Willkommen im Westen!

Auch mit dem Flugzeug ging es in den Westen

Unser Leben änderte sich schlagartig und auch unsere Gefühle fuhren Achterbahn. Schon zum zweiten Mal brachen wir in Tränen aus, dieses Mal allerdings vor Freude, denn wir trafen unser geliebtes Idol Roland Kubinski wieder!
Nach und nach bemerkten wir auch, dass wir nicht die einzige Sportlergruppe gewesen waren, die sich für eine Republikflucht entschieden hatte: Alle anderen ehemaligen DDR-Sportfestteilnehmer befanden sich ebenfalls auf der für uns noch so neuen Seite der Mauer.
Aus nostalgischen Gründen entschloss man schließlich, die erste Nacht „drüben“ schließlich mit allen gemeinsam in einem Auffanglager zu verbringen. Dort waren wir sofort bestrebt uns so sehr wie möglich mit dem Westen zu identifizieren, weshalb wir das Videomaterial zu „Goodbye, Lenin!“ genauestens studierten – schließlich wollten wir wissen, was einen Wessi vom typischen Ossi unterscheidet. Ob wir das Gezeigte auch wirklich verstanden haben? Das wusste noch keiner so genau.
Doch bald schon war die gemeinsame Zeit vorbei. Nach einem gemeinsamen Frühstück gingen wir alle wieder getrennte Wege, jeder voller Vorstellungen und Träume, wie sein Leben hier im goldenen Westen wohl verlaufen würde. Auf jeden Fall hatten uns die letzten 24 Stunden sehr optimistisch gestimmt und zeigten auf, wie unser Leben im Westen sein könnte. Und das wusste jeder ganz genau.

Auch wenn wir kaum etwas im Osten wirklich vermissen werden, fehlte uns beim Abschied von diesem wirklich schönen Stadtspiel vor allem eins: „Freundschaft!“

Annika, Erik, Julia, Michelle, Sara, Timo (Stamm Goten)

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Comments
2 Responses to “Goodbye DDR – Das Landesstadtspiel 2012”
  1. Mo sagt:

    Ein Hoch auf die fleißigen Goten, die hier saugut vertreten sind! Und das auch noch ziemlich gut geschrieben!
    Anders als mein Kommentar hier, der, wie mir gerade auffällt, ziemlich schlecht geschrieben ist. Was solls.

  2. David Ehl sagt:

    Meeeegaguter Artikel über eine megagute Aktion!
    Freundschaft!

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